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Kinderschutz braucht Kinderperspektiven
Kinder beobachten sehr genau, wie Erwachsene mit ihnen sprechen, ob ihnen zugehört wird und ob sie ernst genommen werden in dem, was sie bewegt. Alice Hildebrandt und Laura Hrabowski vom Institut für den Situationsansatz (ISTA) gehen im Dialog der Frage nach, warum Kinderschutz ohne Kinderperspektiven unvollständig bleibt.
Alice Hildebrandt: Lass uns mit der Frage nach dem Nettsein beginnen. Sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf, seit ich kürzlich ein Kind sagen hörte: »Ich hätte das irgendwie gern, dass die Erzieher netter wären«, und ein anderes Kind ergänzte: »ein bisschen freundlicher«. Das klingt schlicht, nicht groß oder theoretisch. Und doch spürte ich unmittelbar, dass es eigentlich genau darum geht, wenn wir von Kinderschutz sprechen. Mit der Zeit dämmerte mir, dass nett und freundlich mehr bedeuten, als es auf den ersten Blick scheint. Die Kinder sprechen von Erwachsenen, die zuhören, sich interessieren, sich Zeit nehmen und sie ernst nehmen. Erwachsene, die nicht sofort bewerten oder drängen, sondern versuchen zu verstehen. Erwachsene, die Kinder nicht nur mitmeinen, sondern wirklich mit ihnen in Beziehung sind. 
Was heißt eigentlich »nett sein«?
Wenn Kinder erzählen, welche Fachkräfte sie besonders mögen, erzählen sie von Menschen, die fair sind, Humor haben, aufmerksam sind und Dinge mit ihnen aushandeln. Von Erwachsenen, die merken, wenn etwas zu viel wird – und nur selten davon, dass dort alles erlaubt wäre oder nie Konflikte entstehen. Im Grunde ist das eine ziemlich präzise Beschreibung dessen, was Kinder unter einem sicheren Ort verstehen, und wahrscheinlich noch einiges Wichtiges mehr. Kinder sehen uns. Sie beobachten sehr genau, wie wir mit ihnen sprechen, ob wir ihnen glauben, ob wir ihnen zuhören und vor allem, ob wir sie ernst nehmen. Laura Hrabowski: Ich denke dabei an meine Arbeit mit den angehenden Kinderrechte-Kitas des Deutschen Kinderhilfswerks. In jeder Fortbildung reflektierten wir Situationen, in denen es uns nicht gelang, die Kinderrechte einzuhalten. Wir fragten uns:
- Wie gehen wir damit um, wenn wir auf eine Kinderrechtsverletzung aufmerksam werden?
- Wann sprechen wir eigentlich von einer Kinderrechtsverletzung?
- Und wann von einem Kinderschutzfall?
Ich erlebte, dass wir häufig Hemmnisse haben, eine Kinderrechtsverletzung klar und deutlich vor den Kindern zu benennen – obwohl wir uns auf dieses Vorgehen verständigen wollen und uns über die Bedeutung von Transparenz einig sind. Warum sind wir immer wieder versucht, unser Handeln vor Kindern verschleiern zu wollen? Liegt es an der Sorge, womöglich das eigene Gesicht vor den Kindern zu verlieren, wenn man einen Fehler eingesteht?
Kinderschutz gemeinsam im Team weiterdenken
Die folgenden Fragen laden dazu ein, den pädagogischen Alltag gemeinsam zu reflektieren. Sie verstehen sich nicht als Checkliste, sondern als Impulse für Gespräche im Team.
- Welche Kinder habe ich heute wirklich gesehen?
- Wann habe ich heute versucht, die Perspektive eines Kindes zu verstehen und die Welt beziehungsweise die Situation aus seinen Augen zu sehen?
- Welche leisen Signale habe ich heute wahrgenommen – und welche vielleicht übersehen?
- Wann habe ich heute ein Kind gefragt, wie es eine Situation erlebt hat?
- Was habe ich heute durch Kinder gelernt?
- Es geht nicht darum, alle Fragen zu beantworten. Oft reicht es, bei einer Frage gemeinsam stehenzubleiben und unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten. Gerade darin kann ein wichtiger Schritt zu einer gemeinsam getragenen Kultur des Kinderschutzes liegen.
Alice Hildebrandt und Laura Hrabowski sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für den Situationsansatz (ISTA) an der Internationalen Akademie Berlin gGmbH. Während Alice Hildebrandt zu Kinderperspektiven und Interaktionen forscht, begleitet Laura Hrabowski pädagogische Fachkräfte bei der Umsetzung von Kinderrechten und Partizipation. Beide verbindet die Überzeugung, dass Kinderschutz Kinderperspektiven braucht.
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